Introduction

Unendliches Wachstum in einer endlichen Welt?

Unendliches Wachstum in einer endlichen Welt?

Das Ziel von Wirtschaftspolitik – egal ob von rechten oder linken Parteien – ist durchweg dasselbe: Wirtschaftswachstum. Wirtschaftliches Wachstum führt zu mehr Arbeitsplätzen, also mehr Geldverteilung und einer Steigerung des Konsums, folglich zu mehr Wohlstand – so zumindest die Lesart der neoklassischen Ökonomik, der aktuell vorherrschenden Schule innerhalb der Wirtschaftswissenschaft.

Doch in Zeiten, in denen es vor umwelt- und klimapolitischen Hiobsbotschaften nur so wimmelt – um mit Klimaerhitzung, extremer Verschmutzung der Meere oder Mikroplastik in heimischen Gewässern nur drei Beispiele zu nennen – ist es an der Zeit, vermeintliche Wahrheiten zu hinterfragen.

Die Idee des Wirtschaftswachstums beruht auf der Annahme, dass ein höheres Bruttoinlandsprodukt (BIP) bzw. BIP pro Kopf, das persönliche Wohlbefinden steigert. Schon lange hat die Psychologie diese Annahme widerlegt: Das persönliche Wohlbefinden in westlichen Industriegesellschaften steigt seit den 1960er Jahren nicht mehr, was zeigt, dass dort die Sättigung des Materialismus erreicht ist. Und doch richtet sich die Politik in Deutschland und Europa weiter daran aus – die Wirtschaft muss wachsen, koste es was es wolle.

So entgegnete erst kürzlich CDU-Wirtschaftsminister Peter Altmaier Schüler*innen der Klimaproteste, dass ein früher Kohleausstieg das Wirtschaftswachstum bremse; ein schnelles Ende der Kohle sei somit abzulehnen. Dabei begeht der Wirtschaftsminister einen kapitalen Denkfehler: dass die Wirtschaft an erster Stelle steht und sich die Umwelt an ihr auszurichten habe. Tatsächlich sieht die Realität aber anders aus: Ohne eine intakte Umwelt ist menschliches Leben nicht möglich, das ist ein naturwissenschaftlicher Fakt. Daraus wiederum folgt, dass wir nicht dauerhaft auf Kosten der Umwelt leben können, so wie es momentan aber der Fall ist.

An diesem Punkt setzt die Idee des «Postwachstums» an, nämlich dass wir die Wirtschaft als einen Teil der Umwelt und der Gesellschaft begreifen müssen, die auf Dauer mit dem auskommen muss, was die Natur pro Jahr an (nachwachsenden) Rohstoffen bereitstellt, ohne die Ressourcen zukünftiger Generationen anzugreifen. Dabei geht Postwachstumsansatz davon aus, dass solch ein System nur ohne Wirtschaftswachstum möglich ist; dass es auf einem Planeten mit endlichen Ressourcen eben kein unendliches Wachstum geben kann.

Der oft vorgebrachte Einwand, dass eine Rezession aber doch nur negative Folgen habe, Stichwort Arbeitslosigkeit, greift dabei zu kurz. Bei «Postwachstum» – oder «Degrowth», englisch für Wachstumsrücknahme – geht es nicht darum, eine Volkswirtschaft von heute auf morgen zu schrumpfen. Das geht auch gar nicht, zu gross sind aktuell die Abhängigkeiten der Rentenkassen, Versicherungen und vielen weiteren Institutionen von ökonomischem Wachstum. Vielmehr geht es um einen Prozess, der auf Planung beruht und aktive Schritte ergreift, um die Dependenzen unser Wirtschaftssystems abzubauen, das zurzeit nur den Weg nach oben kennt.

Foto Initiativteam "Post Growth Zürich"
Levin Koller (24), Viktoria Cologna (23), und Leonard Creutzburg (26), gründeten im Oktober 2018 die Initiative "Post Growth Zürich" (Foto: Leonard Creutzburg)

Diese tiefgreifende Idee hat uns Leonard Creutzburg, Mitglied der SPD Zürich, an einem unserer monatlichen Treffen vorgestellt. Zusammen mit zwei Kolleg*innen, Viktoria Cologna und Levin Koller, hat er letztes Jahr die Initiative «Post-Growth Zürich» gegründet, deren Ziel es ist, den Ansatz von Postwachstum einem grösseren Publikum in Zürich und der Schweiz bekanntzumachen und gesellschaftliche Debatten diesbezüglich zu fördern.

An dem Abend gelang letzteres eindrucksvoll: Mit grossem Interesse lauschten die Genoss*innen den Ausführungen und es entwickelte sich eine rege Diskussion. Viele Anwesenden wollten wissen, was «Postwachstum» denn konkret bedeute; als Antwort fielen Stichworte wie weniger Konsum – speziell von sogenannten Lifestyle-Produkten – sowie Arbeitszeitverkürzung. Zahlreiche Postwachstumsökonom*innen fordern die Einführung einer 20-Stunden-Woche, damit mehr Zeit für gesellschaftliche Aufgaben zur Verfügung steht. Als Folge gäbe ferner auch nicht nur mehr Arbeitsplätze, sondern bestimmte Aufgaben könnten fortan auch (wieder) anders organisiert werden. Zu pflegende Angehörige könnte man fortan wieder zuhause betreuen – was für viele Menschen auch aus ethischer Sicht bevorzugen –, anstatt sie von überlastetem Pflegepersonal lieblos behandeln oder in Zukunft gar von Robotern pflegen zu lassen, was aus neoklassisch-ökonomischer Sicht künftig wohl günstigsten sein wird.

Zum Schluss der Diskussion wurde zudem betont, dass es neben einem gesellschaftlichen Diskurs über die Folgen der Wachstumsdogmatik auch zivilgesellschaftliche Aktionen wie Demonstrationen braucht. Dass die SPD Zürich einige Wochen später, im Februar 2019, dann gemeinsam an der «Klimademo» in Zürich teilnahm, ist dabei ein ermutigendes Signal.

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